BiBerlinCamp 2013

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Überblick

Es gab auf dem BiBerlinCamp 2013 unter anderem folgende Sessions: (Leider existieren nicht zu allen Sessions Protokolle.)

Ausführliche Protokolle

Bi, Queer, Pan & Co

Thema dieser Sitzung waren die verschiedenen Identitäten und Sichtweisen der eigenen Sexualität. Die Teilnehmer stellten zuerst ihre eigene Sichtweise auf ihre Identität vor. Die Definitionen waren:

  • Bisexuell
  • Pansexuell, besser aber Multisexuell
  • Undefiniert, sprich Ablehnung jeglicher Definition und Kategorisierung
  • Queer, Verwendung des Begriffes Bisexuell als allgemeinverständlicher Begriff und deshalb Notbehelf

Ein Teilnehmer bemerkt darüber hinaus das er vor allem Probleme mit der Zuweisung in männlich / weiblich hat.

Die Mehrheit der Teilnehmer stellte fest das Bisexuell für sie ein Notfalletikett ist und nicht die eigene Sicht auf Partnerschaft, Sicht des eigenen Geschlechts oder der Partner nicht widerspiegelt.

Eine Teilnehmerin erläuterte solange sie mit ihrer lesbischen Freundinnen in bestimmten szenetypischen »Codes« der Lesbischen Szene rede, sei für diese alles okay. Aber was passiert, wenn dies darüber hinaus geht? Eine andere Teilnehmer in berichtete das wenn sie sich als »Bisexuell« oute bei vielen Menschen gleich mehrere innere Alarme los gingen. Sie findet darüber hinaus es sehr schlecht, dass unsere Umgebung uns fortlaufend in irgendwelche »Kisten« stecken will.

Es kristallisiert sich die Frage heraus: »Wie kommuniziere und erkläre ich ›es‹ ‘, dass ich Bisexuell bin und meine Sicht meiner Identität, ohne das die Mitmenschen in Vorverurteilung und in Abwehr gehen. Es scheint besonders in der schwulen / lesbischen Szene ein großes Problem zu sein sich als Bisexuell zu bezeichnen, aber auch in der Heteronormativen Gesellschaft gibt es große Vorurteile. Insbesondere wenn man Klischees und auch das klassische Binäre Geschlechtermodell von Mann und Frau hinterfragt. Eine Teilnehmerin äußerte wörtlich: „Wenn sie in »der Situation« noch erwähne, es gäbe für sie mehr als zwei Geschlechter, dann sei meist »alles zu spät«“.

Die Begriffe Pan- und Multisexuell wurden besonders herausgestellt, und das diese am besten diese Sichtweise widerspiegelten, da sie Kritik an den Binären Geschlechtermodell äußerten. Es wurden die Begriffe Trans*, Cis und Inter* erläutert in Zusammenhang mit Geschlechtern. Cis Menschen besitzen das Geschlecht das sie bei der Geburt haben, Trans Menschen haben ihr Geschlecht verändert, Transformiert. Inter* von Intersexualität steht für Menschen, welche nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können. Als gut bekanntes Beispiel wurde eine Untersuchung des IOC bei der vergangenen Olympiade erwähnt, ob eine Sportlerin, die eine Medaille gewonnen hatte, wirklich eine »echte« (biologische) Frau sei, was für die betreffende Person sehr entwürdigend gewesen sein muss. Genderqueere Menschen lehnen jegliche eigene Geschlechtsdefinition ab. Es gibt darüber eine ganze Reihe von Begriffen, die jeweils Geschlechtsidentitäten oder aber sexuelle Orientierungen beschreiben. Dies ist wiederum sehr verwirrend werden – und streitträchtig. Dabei wurden weitere Begriffe ins Gespräch gebracht – »Bi-Curious«, »Trans-Curious« etwa, oder »Fluid«, um auszudrücken, dass sich die eigenen Gefühle und Empfindungen verändern, fließen können.

Im Laufe der Debatte wurde Bezug genommen auf die Kinsey-Skala und das es Bisexuelle gibt die sich dort einordnen um sich zu Definieren, daraus sind Begriffe und Zuordnungen entstanden wie Hetero- oder Homoflexibel. Erwähnt wurde in diesem Zusammenhang auch der »Hite-Report«, in dem weibliche und männliche Stereotype im sexuellen Rollenverhalten entlarvt wurden sind und das daraus sich eine andere Sichtweise auf Geschlechtererrollen entwickelt hat.

Im Verlauf der Gespräche stellte sich die Frage: Ließe sich die eigene Identität vielleicht erklären, ohne den Begriff »Bi« zu bemühen – etwa so: „Ich habe einen Freund und eine Freundin“?

Eine Teilnehmerin erwähnte, wie wichtig für sie (und andere) die Unterscheidung sei zwischen „Ich bin halt so“ und „Ich habe mich dazu entschieden“. Ein anderer Teilnehmer entgegnet „Wir können nicht bestimmen, was wir fühlen, doch sehr wohl, wie wir handeln.“ Zwei Teilnehmerinen stimmten überein, dass »praktisches Lesbischsein« mit »Bi«-Sein nicht zusammengehe. In der Praxis schließe sich das aus, es sei für sie ein unlösbarer »Widerspruch«.

Als dazu passende Anekdote berichtete eine Teilnehmern, die damals, zu Beginn der radikalen lesbisch-feministischen Frauenbewegung, eigentlich in einer funktionierenden Beziehung mit einem Mann gelebt hätte, sich aber dann aus feministisch-politischen Gründen von ihm scheiden ließ und fortan strikt lesbisch lebte. Erst jetzt, mit 72 Jahren, könne sie langsam anerkennen, dass sie bi sei.

Eine Teilnehmer bemerkte darauf, sie findet es in diesem Zusammenhang ganz furchtbar, dass sie als Bisexuelle Beziehungen »nachweisen« müsse, um weiterhin glaubwürdig zu sein in der Lesbischen Community. Da gäbe es einen dauernden, starken Rechtfertigungsdruck, der sehr anstrengend sei und der irgendwann nicht mehr nur im Außen bestehe, sondern zunehmend auch in einem selbst aufkommt.

Es wurde berichtet in einer TV-Serie über »Umerziehungscamps«. Dort sei der Satz gefallen »Nein, du bist nur bi-neugierig, nicht dieses Unaussprechliche …!« Eine Teilnehmer fasste zusammen, sie könne gut verstehen, wie sehr diese ganze Thematik vielen Angst einjage und das diese Angst zu Abwehrhandlungen führt. Dies führte dazu, das darüber berichtet wurde, wie sich die Sexuelle Identität bei den verschiedenen Teilnehmern entwickelt hat.

Eine Teilnehmerin erzählte, sie wüsste schon seit der Pubertät, dass sie Körper beider Geschlechter erregten. Eine andere Teilnehmerin entgegnete, sie hätte damals einen lieben Freund gehabt, und dann wäre sie gleichzeitig auch ganz verliebt gewesen in ihre beste Freundin – Sie staunte dann bald umso mehr, wie anders andere Frauen diese Dinge wahrgenommen hätten. Für sie sei es hingegen völlig selbstverständlich gewesen: „Es war einfach so da, da musste ich gar nicht überlegen oder groß drüber nachdenken.“

Eine andere das, sie sei von ihrer Mutter fast wie ein Junge erzogen worden, denn diese wünschte sich so sehr einen Sohn. Erst spät, eigentlich erst in der Pubertät, hätte sie sich bewusst damit beschäftigt, was es denn bedeute, Mädchen bzw. Frau zu sein. Dies bestimmt bis heute ihre Sichtweise auf ihre Identität.

Eine Teilnehmerin meinte dazu, sie hätte schon in ihrer Jugend aus den Medien mitbekommen, was uns alle prägt – also »was was bedeutet«, wie zu handeln sei. »Bi« als Begriff und Kategorie hätte sie hingegen erst sehr spät kennengelernt.

Es wurde festgestellt, das das Internet allen heute unendliche Möglichkeiten, auf Material jeglicher Art zuzugreifen, auch wenn Lehrer oder Eltern einen nicht aufklären würden. Jede/r könne sich heute über fast alles informieren, auch über verschiedene Idenditäten und Sexualitäten. Es wurde festgestellt trotz all dieser Möglichkeiten hätten Mobbing und Schwulen-/Lesbenfeindlichkeit gefühlt wieder zugenommen.

Dem entgegen steht aber, das früher Lesben/Schwule eher unsichtbar gewesen waren, sie boten daher weniger direkte Angriffs- und Projektionsfläche. Lesbisch-/Schwulsein sei da wohl für die weitaus meisten eher etwas Abstraktes gewesen, nur schwer auf konkrete Personen zu beziehen … ähnlich wie Bisexualität heute es noch immer ist.

Ein Teilnehmer sähe darin aber auch eine Chance – so käme vielleicht immerhin die Diskussion über nicht heteronormative Lebensweisen endlich stärker in Gang.

Beratung

Annahme: Es gibt keine offiziellen Beratungsstellen für bisexuelle Menschen.

Der LSVD bietet psychologische Beratung für Nicht-Heterosexuelle mit Migrationshintergrund, die auch von Bisexuellen genutzt wird. Diese definieren sich allerdings oftmals nicht als solche, sondern praktizieren eine Art “Arbeitsheterosexualität” – meist handelt es sich um “Männer, die (auch) Sex mit Männern haben”.

Von ABqueer wird Aufklärungsarbeit in Schulklassen betrieben: Junge Erwachsene erzählen den SchülerInnen ihre persönliche Coming-Out-Geschichte, beantworten Fragen zu Sexualität und Partnerschaft, erklären Begrifflichkeiten etc. Bisexuelle Identitäten und Lebensweisen sind bei ABqueer miteingeschlossen, allerdings gibt es kaum bisexuell identifizierte MitarbeiterInnen. Die Jugendlichen selbst scheinen insgesamt relativ informiert zu sein und fragen auch nach – vereinzelt wird etwa die Kritik laut, dass bei Coming-Out-Erzählungen gerne Dinge ausgelassen werden, die nicht in die “klare Geschichte” passen, obwohl Lebensgeschichten ja selten völlig linear und unkompliziert sind und Identitäten sich durchaus wandeln. ABqueer verfügt auch über Infoflyer und Projekte wie Teach-Out, die mit ihrem Material eine Vielzahl von Themenfeldern abdecken – das ist auch deshalb nötig, weil Schulbücher diesbezüglich zu wünschen übrig lassen. Spezifische Materialien zu Bisexualität sind aber nicht dabei.

Lambda hat ebenfalls verschiedene Gruppen wie zum Beispiel “queer@school”, aber auch nichts speziell für Bisexuelle – z.T. wird dort sogar negative Beratung geleistet, indem den Menschen gesagt wird, sie seien eigentlich homosexuell. Elisa wäre bereit, ein bi-spezifisches Jugendprojekt aufzuziehen, aber bislang ist niemand auf ihr Angebot eingegangen – es gibt wohl keine bewusste Ablehnung oder Diskriminierung, aber auch kein großes Interesse; es schwingt mit, dass “Bisexuelle ja auch einfach hetero leben können.” Es stellt sich zudem die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, Jugendgruppen anzuleiten, wenn man selbst keinE JugendlicheR mehr ist, da das Coming-Out von jungen Leuten heute häufig ganz anders verläuft als noch vor wenigen Jahren und die Erfahrungswelt dadurch eine andere ist. Andererseits kann es für Jugendliche auch von Vorteil sein, wenn sie jemanden vor sich haben, der/die bereits “innerlich sortiert” ist und die Dinge beim Namen nennen kann. Solche AnsprechpartnerInnen mit Vorbildfunktion sind auch in liberalen Großstädten immer noch dringend nötig. BeraterInnen unterschiedlichen Alters können sich also nicht gegenseitig ersetzen, sondern greifen ineinander – beim Thema Erstberatung wäre ein erwachsenes Gegenüber mit einem gewissen Erfahrungsschatz gut, da Jugendliche diesem wohl eher Glauben schenken würden, während Jugendliche beim Thema Ausgehmöglichkeiten wahrscheinlich eher anderen Jugendlichen eher folgen würden.

Im Aha gibt es wohl eine recht offene Gruppe, aber keine mit dem Alleinstellungsmerkmal Bisexualität.

Auch in Köln, wo sich eigentlich einiges tut (z.B. Uferlos e.V.), ist mit dem Anyway die Erfahrung gemacht worden, dass Bisexualität gar nicht wahrgenommen wird; es heißt, “wenn Bisexuelle noch nicht mal für sich selbst eintreten – warum sollen wir es dann tun?” Ein Teilnehmer hatte die Idee, ein Wikimedia-Projekt auf die Beine zu stellen, das Infomaterial zur Verfügung stellt, an dem man selbst mitgestalten und das man sich zuhause ausdrucken und ggf. noch anpassen kann, aber dieses Projekt ist bisher nicht zustande gekommen.

Das Beratungstelefon des Bisexuellen Netzwerks (BiNe) wird praktisch nie als solches genutzt. Dafür hat der Verein einen Bi-Chat, der oftmals auch gute Hilfestellung zu leisten in der Lage ist. Gelingt dies nicht, wird an das Zentrum für bisexuelle Lebensweisen verwiesen, welches scheinbar die einzige Anlaufstelle wirklich speziell für Bisexuelle ist. Es wird von Jürgen und Bettina geleitet und verfügt über ein Telefonangebot, das Hilfe bei Fragen und Problemen rund um bisexuelle Menschen und ihre PartnerInnen, Beziehungen und Lebenslagen bietet. Schwierig daran ist, dass es nicht kostenlos ist, was einige Hilfesuchende abschreckt – es geht aber nicht anders, da das Zentrum nicht öffentlich gefördert wird. Grundsätzlich kosten 20 Minuten Beratung 20 €, wobei der Tarif teilweise auch vom Einkommen abhängig gemacht wird. Völlig kostenlos ist es allein, wenn der Kontakt durch die BiNe hergestellt wurde. Speziell für Jugendliche leistet das Zentrum nichts, und die Masse wird dadurch auch nicht erreicht; Jugendliche rufen fast nie an.

Man muss hier aber auch zwischen Erstberatung und dem Coaching, das Jürgen und Bettina primär anbieten, unterscheiden – bei Letzterem geht es in erster Linie um langfristige Beziehungsarbeit und Lebensmodelle. Es wäre schön, wenn es etwa vom LSVD eine Anlaufstelle nur für die Beratung gäbe, dann könnte man miteinander kooperieren und je nach Fall gegenseitig aufeinander verweisen. Eine weitere Möglichkeit wäre ein gemischtes Angebot, das zunächst nichts kosten würde, damit die Überwindung nicht so groß wäre, und erst kostenpflichtig würde, wenn intensivere Hilfeleistung nötig würde. Solche Beratungsangebote, die sich insbesondere an Bisexuelle richten, sind unter anderem deshalb wichtig, weil in der queeren Szene ein großer “Anpassungsdruck herrscht, sich als homosexuell zu definieren, um dazuzugehören”. Der Coming-Out-Prozess ist bei bisexuellen Menschen anders als bei homosexuellen, deshalb fehlt z.T. Verständnis und Unterstützung. Besonders Männer denken häufig in Entweder-Oder-Kategorien und betrachten sich entweder als “heterosexuelle Männer, die mit Männern schlafen” (s.o.) – oder aber sofort als schwul, sobald sie sich in einen Mann verlieben, auch wenn sie ihr gesamtes vorheriges Leben heterosexuell gelebt haben. Dieses dichotome Denken wird besonders auch in den Medien verbreitet und führt zum Beispiel dazu, dass Paaren oftmals sofort geraten wird, sich scheiden zu lassen, wenn einE PartnerIn Gefühle für einen Menschen des gleichen Geschlechts entwickelt. “Bisexualität ist ein weißer Fleck” und kommt als alternatives Konzept meist gar nicht vor.

Heißt das aber, dass Beratung für Bisexuelle ausschließlich von Bisexuellen durchgeführt werden kann? Nicht unbedingt, denn als PsychologIn sollte man über genügend Einfühlungsvermögen verfügen, sich auch in Menschen hineinversetzen zu können, die eine andere Lebensrealität haben als man selbst. Erfahrungsgemäß ist das allerdings nicht immer der Fall, weswegen Weiterbildungsmaßnahmen angebracht sein könnten. Mögliche Themenbereiche: Sichtbarkeit und LGBT, Bisexualität vs. Polyamory, etc. Der TrIQ hat bereits Listen mit LGBT-freundlichen PsychologInnen zusammengestellt. Ein weiterer Aspekt ist hierbei die Vermutung, dass die Lesbenberatung mehr Erfahrung mit Trans*-Menschen hat als eine mögliche bisexuelle Beratung, daher würden sich einige Leute dort vielleicht besser aufgehoben fühlen. Bisexuelle Beratung muss also gewährleisten, dass das gesamte Spektrum abgedeckt wird. Der Beratungsbedarf ist definitiv da; Studien zufolge ist die Suizidgefahr Bisexueller besonders hoch. Trotz oder vielleicht sogar gerade wegen der Selbstidentifizierungsproblematik gibt es aber kaum Beratungsmöglichkeiten. Man müsste in größeren Städten “Leuchtturmprojekte” mit regionalen Trägern ins Leben rufen. Der Berliner Senat scheint dazu grundsätzlich bereit zu sein; insbesondere Frau Lehnemann (?) ist da sehr engagiert. Vereinsgründung ist allerdings mit viel Aufwand verbunden und dauert lange. Organisationen wie der LSVD hätten für solche Projekte eigentlich bereits die nötige Struktur, und das Interesse besteht durchaus, aber es fehlt an “Bi-Schubkraft”. Eine Teilnehmerin wäre bereit, so etwas anzugehen, wünscht sich dafür aber konkrete Rückendeckung (“Gegenlesen”), da es in der Vereinsstruktur des LSVD selbst ansonsten kaum bisexuelle Menschen gibt. Vielleicht könnten sich auch mehrere Vereine für so eine Idee zusammenschließen? Ein Problemfeld ist auf jeden Fall die Frage der Trägerschaft, aber auch Konkurrenzkampf zwischen den Organisationen und die Tatsache, dass erfahrungsgemäß viele Vereine nicht einmal auf Anschreiben reagieren. Gelder für solche Projekte sind aber da, und wir sollten sie auch nutzen, denn “gute Arbeit soll auch gut bezahlt werden”, damit sie nicht in Selbstausbeutung mündet. Werbung für solche Projekte könnte man zum Beispiel bei Gay Romeo o.ä. schalten, um mögliche Zielgruppen auch anzusprechen. Eine weitere Idee wäre, Clips mit O-Tönen auf YouTube zu stellen – das wäre eine gute Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen, aber auf der anderen Seite stellt sich die Problematik der wahrscheinlich nicht ausbleibenden Hasskommentare.

Zuletzt stellt sich noch die Frage, mit welcher Begrifflichkeit man insbesondere auch in der Jugendarbeit arbeiten sollte. Vielen sagt “pansexuell” eher zu, damit klar ist, dass nicht nur in zwei Geschlechtern gedacht wird – allerdings ist dieser Begriff weniger weit verbreitet, daher ist die Bezeichnung “bisexuell” womöglich zumindest auf politischer Ebene zielführender. Eine Beratung muss aber natürlich sämtliche Selbstidentifizierungsbegrifflichkeiten (so auch z.B. asexuell) auffangen.

Ergebnis: “Man muss sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, der von der Community getragen wird, denn alleine kann man nicht viel erreichen”. Besonders die Zusammenarbeit mit Leuten, die wirklich was zu sagen haben, wäre günstig, wobei nach wie vor die Schwierigkeit besteht, dass viele Organisationen auf Anfragen gar nicht antworten. Zum großen Teil steckt dahinter wahrscheinlich kein böser Wille, sondern es liegt einfach daran, dass Bisexualität kein Schwerpunktthema ist. Der erste Schritt wäre also, Menschen zu finden, die sich mit dem Thema identifizieren, und der zweite Schritt wäre die Vernetzung verschiedener Organisationen.

Gleichberechtigte Partnerschaften

Thema der Diskussion waren anzustrebende Ideale und Prämissen in Beziehungen mit einem feministischen und auf Gleichberechtigung aller Partner/innen beruhendem Verständniss. Reflektiert sollte vor allem, dass sich viele bisexuelle Feminist/inn/en heteronormative und patriachale Vorstellungen so weit verinnerlicht haben, dass sie sich in einer Beziehung mit einer Frau anders verhalten als in einer mit einem Mann.

Diskutiert wurde vor allem die ungleiche Verteilung der Hausarbeit, bei der sich vor allem Männer sich nach dem Prinzip der „Macht der geringsten Bedürfnisse “ bis heute tendenziell so lange die Hausarbeit auf später verschieben (Stichwort: Abwasch), bis die Partnerin (oder der Partner) nachgibt. Einige Frauen gaben ergänzend dazu an, dass sie in Beziehungen mit Frauen dazu neigten die Bedürfnisse der Partnerin „überzuerfüllen“, da sie noch keine Erfahrungen mit gleichgeschlechtliche Beziehungen hatten und wohl auch mehr Angst hatten, ihre Partnerin zu verlieren, wenn sie ihren „Anforderungen“ nicht entsprachen. Zustimmung fand der Beitrag, dass in einer gleichberechtigten Beziehung wohl alle Partner/inn/en „alles können sollten“, das also Männer auf jeden Fall kochen können sollen und Frauen mit einer Bohrmaschine auch selbst umgehen können sollen, um nicht zu stark von einander abhängig zu sein.

Wichtig war uns dabei, düber die verschiedenen Bedürfnisse unaufgeregt und nicht vorwurfsvoll zu sprechen. Als Alternative diskutierten wir über Marshall B. Rosenbergs Konzept der Gewaltfreien Kommunikation und vor allem über seinen Vorschlag, Bedürfnisse als Bitten zu komunizieren und nicht als Forderungen. Dabei muss dem Partner/der Partnerin immer die Möglichkeit gegeben werden, die Bitte abzulehnen, um zusammen über eine andere Lösung zu sprechen. Oft stellt sich dabei heraus, dass man auf Bedürfnisse berücksichtigt, die der/die Partner/in gar nicht (mehr) hat.

Liebe und Flirten

Zu Beginn stellten die Teilnehmer*innen die Frage, ob sie beim Flirten mit Männern anders umgehen als mit Frauen.

Ist die Kontaktaufnahme mit Männern leichter, oder mit Frauen? Generell empfanden es die meisten Teilnehmer*innen als einfacher, Männer anzusprechen. Einerseits wurden diese oft als „lockerer“ und „einfacher“ wahrgenommen, sodass die Angst vor einer Ablehnung geringer war, und es wurde so empfunden, als „könne man da eher mal direkt sein“. Diese traditionellen Geschlechterrollen beeinflussen viele Teilnehmer*innen, selbst wenn sie ihnen bewusst sind und sie versuchen, sich dagegen zu wehren. Einige anwesende Frauen beschrieben, dass sie wissen, wie blöd sich eine dumme Anmache anfühlt, dies gegenüber anderen Frauen vermeiden wollen und deswegen unsicherer sind. Sie gehen selber beim Angesprochenwerden möglicherweise erst einmal auf Abstand, und finden es schwierig, eine Frau respektvoll, aber souverän und eindeutig anzuflirten. Anmachsprüche gehen gar nicht, aber wieviel Direktheit muss und darf sein? Subtiles Flirten wird möglicherweise gar nicht als Flirten erkannt.

Einige Männer gaben an, Männer seien für sie leichter anzusprechen, weil dies meist in Räumen geschieht, in denen Homosexualität explizit willkommen ist. Außerhalb dieser Schutzräume sei es tendenziell gefährlicher, auch weil hier möglicherweise im schlimmsten Fall körperliche Gewalt drohe. In schwulen Räumen sei hingegen „das höchste Risiko ein dummer Spruch“, und der schwule Flirt fiele einfacher als der heterosexuelle. Einige Frauen berichteten, in lesbischen Kontexten sei dies schwieriger, selbige flirten ihrer Erfahrung nach weniger, seien eher passiv und in einer Abwehrhaltung. Einige berichteten auch, dass das Flirten durch das Coming-Out als bisexuell schwieriger werde, sowohl in „Homo“- als auch in „Hetero“-Räumen. Bisexuelle seien unsichtbar, weshalb andere das Outing zunächst oft nicht einordnen können und irritiert reagieren.

Die Frage nach der sexuellen Orientierung ist auch spannend, weil sie beeinflusst, ob das Gegenüber einen überhaupt als „kompatibel“ wahrnimmt. Einige berichteten von einem recht gut funktionierenden „Gaydar“ bzw. sind der Meinung, sie bemerken beim Flirten, ob sich das Gegenüber überfordert oder angetan fühlt. Einige initiieren nur einen Flirt, wenn die sexuelle Orientierung im Vornherein klar ist, da sie sich dann sicherer fühlen. Andere meinen, das Abklären nehme die Spannung und den Spaß aus der Situation. Eine Person vertrat die Ansicht „Ob sie gar nicht auf Frauen steht oder nur nicht auf mich, das Endergebnis ist das gleiche, deswegen ist es mir im Vornherein egal“, und eine empfand es als tröstlich, im Nachhinein herauszufinden, dass sie eh keine Chance gehabt hätte.

Der generelle Umgang mit Unsicherheit wurde intensiv diskutiert. Einige Teilnehmer*innen fanden es sehr schwierig, mit der Angst vor Ablehnung umzugehen, und wollen am liebsten vorher ausloten, ob das Flirten eine Chance hat. Andere sehen in der Unsicherheit einen wichtigen Bestandteil des Flirtens als Spiel mit dem Unauffälligen/Dezenten und machen sich nicht so viele Gedanken, denn „wenn es nicht klappt, dann geht davon die Welt nicht unter“. Einige sehen es als Möglichkeit, ihre eigenen Hemmungen abzubauen und ihre eigenen Grenzen zu überwinden. Ohne diese Überwindung gibt es keine Chance, dass überhaupt etwas passieren kann. Generell wird es als wichtig erkannt, zu wissen, was man will, und sich etwas zu trauen, was sozialisationsbedingt allerdings vielen Frauen schwerer fällt als Männern.

Viele fühlten sich von traditionellen Geschlechterrollen beeinflusst, bei denen vom Mann erwartet wird, den initialen Kontakt herzustellen. Bei gleichgeschlechtlichem Flirten ist dies nicht immer so klar definiert, wobei von Parallelen in lesbischen Kontexten berichtet wurde, in denen dann tendenziell eher androgyne/burschikose Frauen die feminineren Frauen ansprechen.
Es wurde natürlich auch von Situationen berichtet, in denen die traditionellen Geschlechterrollen nicht in Erscheinung treten, in denen z.B. eine Frau einen Mann anspricht, oder in queeren Kontexten keine Rollen existieren. Es wurde gemutmaßt, dass wir als Bisexuelle privilegiert sind, weil wir dahingehend mehr unterschiedliche Flirtsituationen erleben (können), was uns den Horizont erweitert und seinerseits möglicherweise zu mehr „gleichberechtigten“ Flirtsituationen führt. Und so etwas wie ein vorgefertigtes bisexuelles Flirtmodell gibt es nicht, wobei andererseits unsere Flirts meistens in „hetero“ oder „homo“ eingeteilt werden können.

Die Mehrzahl der Teilnehmer*innen sieht die weit verbreiteten „Flirtmodelle“ kritisch und wünscht sich eine Auflösung der Kategorien und Rollen. Das ist ein Widerspruch, denn einerseits wollen wir diese Modelle dekonstruieren, andererseits reproduzieren wir sie täglich in unserer Erfahrung. Es wurde Angst vor der Unbestimmtheit geäußert, in der wir ohne sie schweben würden. Wir wissen nicht, wie man in der Flirtsituation ein Gleichgewicht hält und wann von wem ein Impuls kommen sollte, und vielleicht wären hierfür neue Modelle nützlich. Es gab außerdem Stimmen, die die Kategorien gar nicht vollständig überwinden wollen, sondern sich damit wohlfühlen, ihnen ab und zu zu entsprechen, ab und zu auch nicht, und auch mal mit ihnen zu spielen.

Flirten wird als Erlebnis sehr unterschiedlich wahrgenommen und gedeutet. Die einen sehen es als durchdrungen von kulturellen Machtverhältnissen und Machtspielen, und empfinden es als ziemlich vorbelastet in der Öffentlichkeit. Anschauen kann hier schon als dumme Anmache gedeutet werden, Neugierde und Leben haben da leider keinen Platz. Andere berichten von einem Flirterlebnis voller Charme und Zauber und empfinden es als „wunderbar“, jemand anderen „um den Finger zu wickeln“ oder um den Finger gewickelt zu werden. Sie sehen darin eine Möglichkeit, den anderen zu spüren und in näheren menschlichen Kontakt zu treten.

Im Zusammenhang mit menschlicher Nähe, gerade im öffentlichen Raum, wurde viel darüber diskutiert, dass in Deutschland eine andere Flirtkultur herrscht als in anderen Ländern. Es wird dort als deutlich schwieriger empfunden, allgemein persönliche, zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen, was auch Flirten sehr schwierig macht. Es wurde gemutmaßt, ob das auch mit der deutschen Geschichte zusammenhängt. Eine Anmerkung war, dass in Deutschland Flirten quasi zwangsweise in der Absicht geschieht, „irgendwohin zu gelangen“, also beispielsweise das Ziel ein Date o.ä. sein muss, und nicht einfach als offenes Spiel oder „way of life, um das Leben zu feiern“ zelebriert werden kann. Es geht um Beziehung und Sex, nicht um Wertschätzung und Spaß im Augenblick. Mit dem Gegenteil könnten viele Menschen auch vermutlich nicht umgehen. Außerdem geht das Flirten in Deutschland sehr in den persönlichen Raum eines Menschen und wird demzufolge auch sehr persönlich genommen, und nicht als allgemeines lockeres Spiel zwischen Menschen, wie es anscheinend in anderen Kulturen erlebt wurde.

Es gab einen ausführlichen Exkurs in das Thema der alltäglichen Berührung, welche genau wie das Flirten von vielen Teilnehmer*innen in Deutschland vermisst wird. Es wurde andererseits auch berichtet, bei Berührungen von Fremden sehr schnell auf Abstand zu gehen und es wird in Frage gestellt, ob alltägliche Berührungen tatsächlich immer einvernehmlich sind oder ob sie auch oft einen Übergriff darstellen. Es gab die These, dass es in Deutschland weniger alltägliche Berührung gibt und deswegen die einzelne Berührung mehr Gewicht verliehen bekommt.

Zum Thema Körperkontakt wurde außerdem berichtet, dass viele Teilnehmer*innen herzlich mit ihren Freunden umgehen und zu ihnen (nichtsexuellen) Körperkontakt pflegen. Dies wird vielfach als förderlich empfunden, um den Körperkontakt mit Fremden beim Flirten leichter aufzubauen und den Übergang vom Verbalem zum Körperlichen zu vereinfachen. „Aufgewärmt“ durch zärtliche Erlebnisse, auch wenn man bereits in einer Beziehung ist, sei es zudem einfacher, selbstsicher zu flirten, weil man gelöster und entspannter sei, sich mit seinem Körper wohl fühle, und Leute einfach anlächele ohne Hintergedanken zu haben. Es wurde berichtet, man lerne Leute eher kennen, wenn man es gar nicht darauf anlegt, weil man dann die „richtige Ausstrahlung“ habe und sich nicht selbst im Weg stehe.

Zum Schluss wurde noch das Thema Onlinedating kurz angerissen. Es wurde berichtet, dass viele Leute sich im Internet als bisexuell labeln. Möglicherweise fällt es ihnen online leichter, sich zu outen, möglicherweise sind sie aber auch experimentierfreudiger. Gegebenenfalls werden auch Sachen vermengt, beispielsweise eine Bezeichnung als bisexuell, weil man in einer Heterobeziehung jemanden für einen Dreier sucht. Es wurde die Frage gestellt, ob das Kurzschließen des Suchprozesses und der Kontaktaufnahme im Internet dazu führt, dass man dies „im wahren Leben“ nicht mehr hinkriegt, aber diese Frage blieb letztendlich offen.